EKiP-Studie: Was MH® Kinaesthetics in der einzelnen Pflegesituation bewirkt abgeschlossen
Pflegende arbeiten unter Druck – körperlich und seelisch. Die EKiP-Studie der Universität Konstanz hat erstmals unmittelbar im Pflegealltag gemessen, was sich verändert, wenn MH® Kinaesthetics in einer Pflegesituation stärker zur Geltung kommt: Die zu pflegende Person macht eigenständiger mit, der Umgang wird leichter, Stress und Schmerz nehmen ab.
Ausgangslage
Die Pflege steht unter Druck: In der Europäischen Union wird die Zahl der Menschen mit Langzeitpflegebedarf von rund 31 Millionen (2019) auf etwa 38 Millionen im Jahr 2050 steigen, während die Pflegebelegschaft selbst älter wird. Körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten wie das Bewegen einer Person aus dem Bett gehören zum Alltag; Studien zufolge liegt die Häufigkeit von Muskel-Skelett-Beschwerden bei Pflegepersonen bei über 80 Prozent, dazu kommt chronischer Stress. Wer mit MH® Kinaesthetics arbeitet, erlebt täglich, dass Interaktion durch Berührung und Bewegung beides schützt – die eigene Gesundheit und die Selbstständigkeit der zu pflegenden Person. Zwischen dieser Erfahrung und dem wissenschaftlichen Nachweis klaffte jedoch seit Jahrzehnten eine Lücke: Übersichtsarbeiten fanden zwar Hinweise auf weniger Rückenschmerzen und geringere Anstrengung, bewerteten die Studien aber als methodisch schwach.
Die Caritas-Altenhilfe für die Region Konstanz – zwei Pflegeheime (Haus Zoffingen mit 105 Plätzen, Haus Don Bosco für Menschen mit Demenz mit 57 Plätzen), ein ambulanter Dienst mit mehr als 300 Klient*innen, zwei Tagespflegen und Betreutes Wohnen – führte MH® Kinaesthetics von 2020 bis 2024 flächendeckend als Maßnahme der betrieblichen Gesundheitsförderung ein. Das Besondere: Der MH® Kinaesthetics-Bildungsprozess wurde von Beginn an wissenschaftlich begleitet, als Forschungskooperation der Universität Konstanz mit der AOK Baden-Württemberg.
Vorgehen: drei Blickwinkel
Wie lässt sich die Wirkung eines Lernkonzepts nachweisen, das im Alltag von hunderten kleinen Situationen lebt? Die Konstanzer Forschungsgruppe kombinierte drei Zugänge:
- Gruppenvergleich per Fragebogen: Unterscheiden sich geschulte Pflegepersonen von (noch) nicht geschulten Kolleg*innen in globalen Gesundheitsindikatoren – mentale und körperliche Gesundheit, Wohlbefinden, Stress, Arbeitsfähigkeit, Schmerzen?
- Ambulantes Assessment – die methodische Innovation: Geschulte Pflegepersonen erhielten ein Studien-Smartphone und beantworteten an fünf Arbeitstagen direkt nach einzelnen Pflegesituationen – Transfer, Waschen, Unterstützung beim Gehen – einen kurzen elektronischen Fragebogen: Wie sehr konnten Sie Ihre Kinaesthetics-Kompetenz integrieren? Wie geht es Ihnen jetzt, wie viel Stress, Schmerzen? Hat die zu pflegende Person eigenständiger mitgemacht, war der Umgang leichter? So verglich die Studie nicht Personen miteinander, sondern Situationen innerhalb derselben Person – jede Pflegeperson war ihre eigene Vergleichsgruppe.
- Prozessevaluation: Interviews mit Management und Leitung sowie Fokusgruppen mit geschulten Pflegepersonen zeigten, wie die Implementierung gelang; Orientierungsrahmen war das KMLH-Rückmeldemodell®.
Datengrundlage des ambulanten Assessments: 45 Pflegepersonen, 186 Arbeitstage, 788 dokumentierte Pflegesituationen. Alle Teilnahmen waren freiwillig; die Studie folgte der Deklaration von Helsinki und den ethischen Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Dass sie trotz Pandemie – Abstandsregeln, Besuchsverbote, Personalausfälle – zu Ende geführt wurde, verdankt sich der Flexibilität aller Beteiligten; die Laufzeit wurde um ein Jahr verlängert.
Ergebnis
Je stärker eine Pflegesituation von MH® Kinaesthetics geprägt war, …
- desto eigenständiger machte die zu pflegende Person mit (+0,37) und desto einfacher wurde der Umgang mit ihr erlebt (+0,29) – die deutlichsten Effekte;
- desto wohler und zufriedener (+0,15) und desto ruhiger und gelassener (+0,11) fühlte sich die Pflegeperson unmittelbar danach;
- desto weniger Stress erlebte sie in der Situation (+0,09).
Angaben in Standardabweichungen pro Standardabweichung mehr MH® Kinaesthetics-Anwendung, alle statistisch gesichert; einzig der Zugewinn an Energie und Wachheit verfehlte die statistische Sicherung knapp (Kanning & Lange 2024).
Besonders aufschlussreich ist der Befund zum Schmerz: Er sinkt nicht, weil etwas auf den Körper einwirkt, sondern weil die Pflegehandlung anders gestaltet wird – in Situationen mit mehr Kinaesthetics wurde der Umgang als leichter erlebt, und in eben diesen Situationen traten weniger Schmerzen auf. Die Gesamtwirkung auf den Schmerz läuft praktisch vollständig über diesen Weg.
Ein zweiter Befund erklärt, warum sich klassische Studien mit dem Nachweis so schwertun: Je nach Merkmal entstanden rund die Hälfte bis drei Viertel aller Schwankungen in Befinden, Stress, Schmerz und Interaktionsqualität nicht zwischen den Pflegepersonen, sondern innerhalb derselben Person – von Situation zu Situation. Gelingen ist keine feste Eigenschaft, sondern entsteht in jeder Begegnung neu – und ist genau deshalb gestaltbar. Der klassische Gruppenvergleich (39 Pflegepersonen) fand bei den rückblickenden Gesamteinschätzungen entsprechend keinen bedeutsamen Unterschied; die Studie zeigt damit auch, dass das situationsnahe ambulante Assessment das geeignetere Instrument ist.
Die Prozessevaluation bestätigt zudem in einem unabhängigen Verfahren, was das KMLH-Rückmeldemodell® für nachhaltige Implementierung beschreibt: freigestellte Kinaesthetics-Trainerinnen, zertifizierte Anwender*innen als Multiplikator*innen, im Dienstplan verankerte Schulungen und Praxisbegleitungen, Kinaesthetics als fester Bestandteil von Team- und Fallbesprechungen, systematische Integration neuer Mitarbeiter*innen. Als Hürden benannt: Zeitdruck, eingeschliffene Bewegungsgewohnheiten, Sprachbarrieren, Fluktuation – mit konkreten Empfehlungen wie dauerhaft gesicherten Praxisbegleitungen, Auffrischungskursen und mehrsprachigen Materialien.
Was das für Sie bedeutet
Als Einrichtung: Sie erhalten erstmals quantitative Befunde zu gesundheitsrelevanten Wirkungen bei den Pflegenden selbst – und eine Liste der Gelingensbedingungen, die Sie für Ihre eigene Implementierung übernehmen können. Investitionen in Kinaesthetics-Fortbildungen wirken am besten mit kontinuierlicher Qualitätsmessung; die EKiP-Studie zeigt, wie das gehen kann. Als Pflegeperson: Die Wirkung entsteht in jeder einzelnen Situation – moderat im Moment, spürbar über ein Berufsleben mit zigtausenden Pflegesituationen. Nächster Schritt: Sprechen Sie mit uns über einen Implementierungsprozess mit wissenschaftlicher oder digitaler Begleitung.
Quellen: Kanning, M. & Lange, J.-P. (2024): EKiP – Evaluation MH Kinästhetik in der Pflege, Abschlussbericht, Universität Konstanz (Darstellung mit Genehmigung der Autor*innen); Resch-Kröll, U. & Hojdelewicz, B. M.: Kinaesthetics in der Pflege, 3. Aufl., facultas 2026, Kap. 9.4; LQW-Selbstreport 16.12.2025.