Dr. Frank Hatch – vom Tanz zur Verhaltenskybernetik
Tänzer, Tanzpädagoge, Verhaltenskybernetiker: Wie aus einer Kindheit am Rand des Navajo-Reservats, einer Tanzlaufbahn und dem Labor von Karl U. Smith der Mitbegründer von MH® Kinaesthetics wurde – und was er bis heute bei KMLH einbringt.

Dr. Frank Hatch
Verhaltenskybernetiker, Tänzer und Tanzpädagoge, Mitbegründer von MH® Kinaesthetics. Er promovierte an der University of Wisconsin–Madison im Behavioral Cybernetics Laboratory von Karl U. Smith und übertrug dessen Forschung zur Rückmeldungssteuerung menschlichen Verhaltens auf das Lernen durch Bewegung. Aus dieser Verbindung von Tanz und Wissenschaft entstand ab Mitte der 1970er-Jahre in Europa das Kinaesthetics-Bildungssystem. Bis heute stellt er seine wissenschaftlichen Grundlagen, sein Wissen und sein Können aktiv und persönlich ausschließlich KMLH zur Verfügung.
Geboren am 12. September 1940 in Provo, Utah (USA) · Master in Tanz und Theater, Brigham Young University · Promotion University of Wisconsin–Madison (Behavioral Cybernetics Laboratory, Karl U. Smith) · 1974 Begriff Kinaesthetics · seit 1976 in Europa · Mitbegründer von MH® Kinaesthetics · begleitet KMLH bis heute persönlich
Kinaesthetics ist nicht am Schreibtisch entstanden. Es entstand aus zwei Berufsbiografien, die kaum unterschiedlicher hätten beginnen können – und aus der Entscheidung zweier Menschen, ihre Erfahrungen zusammenzulegen: Dr. Frank Hatch kam vom Tanz und von der Verhaltenskybernetik, Dr. Lenny Maietta (1950–2018) von der Psychologie und von der Arbeit mit Kindern, die Unterstützung brauchten. Was sie ab 1977 gemeinsam entwickelten, ist bis heute die Grundlage jedes MH® Kinaesthetics-Kurses.
Eine Kindheit in Bewegung
Frank White Hatch wurde am 12. September 1940 in Provo, Utah, geboren. Seine Kindheit verbrachte er zu großen Teilen in Mexican Hat, einer abgelegenen Siedlung am San Juan River an der Grenze zum Navajo-Nation-Reservat, wo sein Vater eine kleine Ölraffinerie aufbaute. Bis zu seinem achten Lebensjahr ging er nicht zur Schule; er spielte mit den Kindern der Navajo-Familien der Umgebung. Zwei Eindrücke aus dieser Zeit blieben: die gewölbte Holzkuppel im Inneren eines Hogan, die ihn ein Leben lang für tragende, leichte Konstruktionen begeisterte – und die Beobachtung, wie unterschiedlich Menschen miteinander umgehen. „Ich begann zu erkennen, dass alles Leben den gleichen Wert hat und dass keine Lebensweise die andere herabsetzen sollte“, erinnerte er sich später an diese Jahre.
Tanz als ernsthafte Disziplin
Mit fünfzehn begann er eine Tanzlaufbahn – als einziger Junge in einer Ballettschule, die auf das Vortanzen beim Ballet Russe de Monte Carlo vorbereitete. Er schloss sein Studium mit einem Master in Tanz und Theater an der Brigham Young University in Provo ab und wurde dort Dozent. Sein Anspruch war ungewöhnlich: „Wenn wir Tanz an der Universität haben wollen, dann muss der Studiengang mindestens so anspruchsvoll sein wie Mathematik, Geschichte oder Psychologie.“ Nach diesem Grundsatz wirkte er am Aufbau von drei universitären Tanzabteilungen mit. Prägend war die Begegnung mit der Tanzpionierin Anna Halprin, mit der er ab den späten 1960er-Jahren einen Austausch über das führte, was beide „integrative Bewegung“ nannten.
Madison: die wissenschaftliche Wende
1969 begann Frank Hatch ein Doktoratsstudium an der University of Wisconsin–Madison. Dort konnte er noch bei Margaret H’Doubler hospitieren, die 1926 das erste akademische Tanzprogramm der USA aufgebaut hatte. Ihre Idee, im Liegen und am Boden zu lernen – dort, wo das Gleichgewicht in der Schwerkraft nicht ständig gehalten werden muss –, findet sich bis heute in Kinaesthetics-Kursen wieder.
Die entscheidende Wendung kam durch einen Zufall. Eine Kollegin bat ihn, sie zu einem Höflichkeitsbesuch in ein Forschungslabor auf der anderen Straßenseite zu begleiten: das Behavioral Cybernetics Laboratory von Karl U. Smith. Dort wurde untersucht, wie Menschen die sensorischen Informationen erzeugen und deuten, die sie brauchen, um sich in einer sich ständig verändernden Umwelt zurechtzufinden. Frank Hatch legte sein bereits weit gediehenes Dissertationsprojekt beiseite und wechselte das Fach.
In seiner Dissertation (1973) griff er Smiths Konzepte des body tracking und social tracking auf – die Beobachtung, dass ein Körper laufend seine eigenen Teile und die Bewegungen anderer Menschen „verfolgt“, um sein Verhalten zu steuern – und erweiterte sie zum cultural tracking. Ein Jahr Feldforschung in Brasilien schloss sich an.
Woher der Name kommt
Zwischen 1973 und 1975 baute Frank Hatch an der California State University in Fullerton eine Tanzabteilung mit auf. Dort begann er, die Erkenntnisse aus dem Labor in eigenen Kursen anzuwenden – für Studierende aus Sport, Musik und Theater, die mehr über menschliche Bewegung lernen wollten. Für diese Kurse wählte er 1974 den Namen Kinaesthetics – von griechisch kinesis (Bewegung) und aisthesis (Wahrnehmung); der Begriff bezeichnet die Lehre von der Bewegungswahrnehmung. Kurz darauf ließ er den Begriff erstmals als Marke registrieren.
1975 nahm er zusätzlich eine Stelle im Pacific State Hospital bei Los Angeles an, einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung. Er betreute dort eine Einheit mit 26 jungen Männern mit schweren Beeinträchtigungen – und stellte seinem Team eine einzige Regel: In jeder Arbeitsminute sollte jede*r von ihnen in Körperkontakt mit einem der Jungen sein. Was hier entstand, ist heute unter dem Namen Interaktionsformen eines der Kernkonzepte von Kinaesthetics.
Nach Europa
Anfang 1976 folgte Frank Hatch einer Einladung an eine Fachklinik im Allgäu – gedacht als Auszeit von ein, zwei Jahren nach zehn Jahren Universität. Aus der Auszeit wurde sein eigentliches Lebenswerk. 1977 kam Lenny Maietta ins Allgäu – der Beginn ihrer gemeinsamen Kurstätigkeit.
In Europa: aus Forschung wird ein Lehrsystem
Diesen zweiten, ebenso prägenden Abschnitt hat Frank Hatch selbst beschrieben. Zunächst bot er „Gentle Dance“-Kurse an und unterrichtete bald im gesamten deutschsprachigen Raum – für die unterschiedlichsten Berufsgruppen. Gemeinsam mit Lenny Maietta verwob er seine tänzerische Erfahrung und die verhaltenskybernetischen Prinzipien Schritt für Schritt zu einem zusammenhängenden Konzeptsystem. Zentrale Bausteine der Kinästhetik entstanden dabei unmittelbar aus der Kursarbeit: etwa die Unterscheidung von „Position“ und „Ort“ oder die Konzepte rund um Massen, Anstrengung und die Grundpositionen. Ebenso prägend wurde der Leitgedanke der Gesundheitsentwicklung; der Begriff geht auf die Arbeit des Verhaltenskybernetikers Karl U. Smith zurück (1980er-Jahre).
Aus einzelnen Kursen wurde ein Bildungssystem. Als Teilnehmende aus der Pflege um einen eigenen Kurs baten, entwickelten Hatch und Maietta ihn; der erste Kurs für Kinästhetik in der Pflege fand 1983 in der Schweiz statt, 1990 endete dort die erste Trainerausbildung für die Pflege. In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich die Kinästhetik in Europa – und über zwölf Jahre auch in Japan. 2002 gründeten sie das European Institute for Human Development (EIHD) mit Sitz in Österreich, 2006 führten sie die Marke „MH® Kinaesthetics – The Original“ ein und begründeten die exklusive Zusammenarbeit mit KMLH für Europa; 2018 gingen alle Urheberrechte von MH Inc. an KMLH über. Seither entwickelt Frank Hatch das System ausschließlich mit KMLH weiter – zuletzt von einem Studien- und Begegnungsort in der Toskana aus.
Heute
Dr. Frank Hatch stellt die wissenschaftlichen Grundlagen, sein Wissen und sein Können weiterhin aktiv und persönlich ausschließlich KMLH zur Verfügung. Er ist Teil des Führungs-, Bildungs- und Strategieteams, bringt sich in Klausuren, Bildungsforen und in die Fokusgruppe ein und stand im April 2026 im Fachdiskurs mit Prof. Bernhard Müller zur Weiterentwicklung der theoretischen Grundlagen. Diese direkte, ununterbrochene Verbindung zu einem der beiden Begründer ist der Kern dessen, was „The Original“ bedeutet.
Was daraus wurde
Über Jahrzehnte hinweg unterrichteten Lenny Maietta und Frank Hatch gemeinsam und formten dabei ein unverwechselbares Zusammenspiel: seine improvisierende, aus der Bewegung heraus entwickelte Anleitung und ihre Fähigkeit, das Lernen in machbare Schritte zu übersetzen. So wurde aus zwei Berufsbiografien ein gemeinsames Werk.
Ihr gemeinsames Werk umfasst die sechs Kinaesthetics-Konzepte – Interaktion, Funktionale Anatomie, Menschliche Bewegung, Menschliche Funktion, Anstrengung und Umgebung –, die Kurse für Gesundheitsberufe, Pädagogik, Angehörige und Organisationen sowie ein Weiterbildungssystem für Trainer*innen. 2006 führten sie die Marke „Maietta-Hatch (MH) Kinaesthetics – The Original“ ein und vereinbarten die exklusive Zusammenarbeit mit KMLH für Europa; 2018 wurden alle Urheberrechte von MH Inc. an KMLH übergeben, damit ihr Lebenswerk weiter zugänglich bleibt.
Heute lernen jedes Jahr Menschen in sieben europäischen Ländern mit diesem System.
Quellen: Manuel Roier, „Der Weg zur Kinaesthetics: Die frühen Jahre des Bewegungspioniers Dr. Frank Hatch“, und Frank Hatch, „Frank und Lenny: ein Zusammenspiel von Raum, Zeit und Anstrengung“, beide in: Ulrike Resch-Kröll (Hrsg.), Die Erfindung der Kinästhetik. Movement for a better world, NWV, Wien 2024 (Band 4 der KMLH-Schriftenreihe); Maietta & Hatch, MH® Kinaesthetics – What’s in a Name?, NWV 2015 (Band 2); Jahreszahlen nach der Meilenstein-Tabelle der facultas-Ausgabe 2026 (3. Aufl.).
Die Begründer – Biografien als PDF