Dr. Lenny Maietta – Psychologie, Lernen und die Didaktik von Kinaesthetics
Klinische Psychologin, Mitbegründerin von MH® Kinaesthetics: Wie aus der frühen Arbeit mit Kindern, der humanistischen Psychologie und einer Dissertation über Eltern und Neugeborene das erste formal konzipierte Kinaesthetics-Programm im Bereich der kindlichen Entwicklung wurde – und was von ihr in jedem Kurs weiterwirkt.

Dr. Lenny Maietta (1950–2018)
Klinische Psychologin und Mitbegründerin von MH® Kinaesthetics. Sie arbeitete schon als junge Frau mit Kindern mit Behinderungen, studierte humanistische Psychologie und promovierte in klinischer Psychologie am Fielding Institute in Santa Barbara – Moshe Feldenkrais begleitete ihre Doktorarbeit. Aus ihrer Dissertation entstand der erste formal aufgebaute Kinaesthetics-Kurs im Bereich der kindlichen Entwicklung; die Struktur, nach der bis heute Grund-, Aufbau- und Zertifizierungskurse gestaltet werden, geht auf diese Arbeit zurück. Bis zu ihrem Tod 2018 prägte sie die Didaktik von Kinaesthetics – die Kunst, komplexe Zusammenhänge in kleinen, erfahrbaren Schritten zugänglich zu machen.
Aufgewachsen in Santa Rosa, Kalifornien (USA) · Master in Humanistischer Psychologie, Sonoma State University · Promotion in klinischer Psychologie, Fielding Institute, Santa Barbara (Moshe Feldenkrais begleitete ihre Doktorarbeit) · seit 1977 gemeinsame Kurstätigkeit mit Frank Hatch in Europa · Mitbegründerin von MH® Kinaesthetics · gestorben am 31. Januar 2018
Kinaesthetics ist nicht am Schreibtisch entstanden. Es entstand aus zwei Berufsbiografien, die kaum unterschiedlicher hätten beginnen können – und aus der Entscheidung zweier Menschen, ihre Erfahrungen zusammenzulegen: Dr. Frank Hatch kam vom Tanz und von der Verhaltenskybernetik, Dr. Lenny Maietta (1950–2018) von der Psychologie und von der Arbeit mit Kindern, die Unterstützung brauchten. Was sie ab 1977 gemeinsam entwickelten, ist bis heute die Grundlage jedes MH® Kinaesthetics-Kurses.
Früh bei den Menschen, die Unterstützung brauchen
Lenny Maietta wuchs in Santa Rosa, Kalifornien, auf. Als in ihrer Gemeinde eine Enzephalitis-Epidemie ausbrach, half sie als Jugendliche in einer Kindertagesstätte in der Nähe ihrer Schule mit – der Anfang eines Berufswegs, der nie weit von Menschen mit besonderen Bedürfnissen wegführte. Zwischen 1962 und 1969 sammelte sie Erfahrung in mehreren Einrichtungen in Santa Rosa: im Manual Skills Training Center für Kinder mit Lernbehinderungen, im Steele Lane Annex für Kinder mit körperlichen Behinderungen und im Grace-Reese-Center für autistische Kinder. Mit zwanzig übernahm sie für drei Jahre die Leitung des Wilderness Program für Kinder mit Lernbehinderungen in Ukiah und im Desolation Valley.
Psychologie und Erwachsenenbildung
Ab 1972 arbeitete sie als Lehrassistentin an der California State University und hielt dort mehrere Jahre lang Kurse zu kindlicher Entwicklung, psychologischer Beratung und Überlebenstraining. Ihren Master in humanistischer Psychologie erwarb sie an der Sonoma State University in Rohnert Park, einer der frühen Wiegen dieser Richtung; ihr Schwerpunkt lag auf der Gesundheitsentwicklung über die gesamte Lebensspanne. Ab 1974 kam mit den SAGE-Seminaren in Berkeley die Erwachsenenbildung dazu. Parallel arbeitete sie in der Haight Ashbury Medical Clinic in San Francisco in der Beratung und Begleitung suchtkranker Menschen und von 1975 bis 1977 als Therapeutin und Koordinatorin für Sonderpädagogik in einem Behandlungszentrum für junge Erwachsene mit Schizophrenie.
Als sie im Frühjahr 1977 in die Fachklinik im Allgäu kam, brachte sie also fünfzehn Jahre praktische Erfahrung mit – aus der Arbeit mit Kindern, mit suchtkranken und mit psychisch erkrankten Menschen.
Die Dissertation, aus der das erste Programm wurde
Lenny Maietta promovierte in klinischer Psychologie am Fielding Institute in Santa Barbara; Moshe Feldenkrais begleitete ihre Doktorarbeit. Ihre Fragestellung: Was verändert sich, wenn verhaltenskybernetische Prinzipien in den Unterricht für Eltern übertragen werden?
Dafür entwarf sie einen standardisierten Kurs für werdende Mütter. Die geschulten Eltern und ihre Kinder wurden nach vier und sechs Wochen sowie nach zwei Monaten mit ungeschulten Eltern verglichen; vier Neugeborenen-Pflegekräfte, die Lenny Maietta eigens dafür eingeschult hatte, beurteilten die Qualität der gemeinsamen Interaktion zwischen Mutter und Kind. Der Unterschied zwischen den Gruppen war deutlich.
Dieser Mutter-Kind-Kurs war das erste formal konzipierte Kinaesthetics-Programm im Bereich der kindlichen Entwicklung. Die späteren Kurse für professionell Pflegende bauten auf seiner Struktur auf – die Kursarchitektur, die Sie heute in Grund-, Aufbau- und Zertifizierungskursen wiederfinden, hat hier ihren Ursprung.
Ihre Rolle im gemeinsamen Unterricht
Wer Lenny Maietta und Frank Hatch als Vortragende erlebt hat, kennt das Zusammenspiel der beiden. Frank Hatch begann, arbeitete improvisierend und sprang in seiner Begeisterung gelegentlich zu weit voraus. Dann kam Lenny Maietta dazu und bot kleinere Schritte an. Sie regulierte Tempo und Richtung des Lernens – und machte damit zugänglich, was sonst nur wenige mitvollzogen hätten. Teilnehmende sagten ihm oft, so erinnerte sich Frank Hatch, dass Lenny ihn übersetze. In den ersten Jahren, bevor sie Deutsch sprach, tat sie das buchstäblich durch Bewegung: durch Demonstration und durch ihre Handlings-Fähigkeiten.
Genau darin liegt ihr didaktischer Beitrag: Kinaesthetics vermittelt seine Konzepte nicht durch Erklären, sondern durch eigene Bewegungserfahrung in Schritten, die machbar sind. Dieses Prinzip prägt jeden Kurs bis heute.
Was von ihr weiterwirkt
Lenny Maietta arbeitete auch nach ihrer Krebsdiagnose bis in die letzten Wochen ihres Lebens weiter, um die Kinaesthetics-Programme in Europa und Japan zu unterstützen. Sie starb 2018. Ihre Handschrift ist im Bildungssystem geblieben: in der Kursstruktur, in der schrittweisen Didaktik – und in den Zeichnungen, mit denen sie Bewegungsideen sichtbar machte und die die KMLH-Schriftenreihe illustrieren.
Was daraus wurde
Über Jahrzehnte hinweg unterrichteten Lenny Maietta und Frank Hatch gemeinsam und formten dabei ein unverwechselbares Zusammenspiel: seine improvisierende, aus der Bewegung heraus entwickelte Anleitung und ihre Fähigkeit, das Lernen in machbare Schritte zu übersetzen. So wurde aus zwei Berufsbiografien ein gemeinsames Werk.
Ihr gemeinsames Werk umfasst die sechs Kinaesthetics-Konzepte – Interaktion, Funktionale Anatomie, Menschliche Bewegung, Menschliche Funktion, Anstrengung und Umgebung –, die Kurse für Gesundheitsberufe, Pädagogik, Angehörige und Organisationen sowie ein Weiterbildungssystem für Trainer*innen. 2006 führten sie die Marke „Maietta-Hatch (MH) Kinaesthetics – The Original“ ein und vereinbarten die exklusive Zusammenarbeit mit KMLH für Europa; 2018 wurden alle Urheberrechte von MH Inc. an KMLH übergeben, damit ihr Lebenswerk weiter zugänglich bleibt.
Heute lernen jedes Jahr Menschen in sieben europäischen Ländern mit diesem System.
Quellen: Manuel Roier, „Der Weg zur Kinaesthetics: Die frühen Jahre des Bewegungspioniers Dr. Frank Hatch“, und Frank Hatch, „Frank und Lenny: ein Zusammenspiel von Raum, Zeit und Anstrengung“, beide in: Ulrike Resch-Kröll (Hrsg.), Die Erfindung der Kinästhetik. Movement for a better world, NWV, Wien 2024 (Band 4 der KMLH-Schriftenreihe); Maietta & Hatch, MH® Kinaesthetics – What’s in a Name?, NWV 2015 (Band 2); Jahreszahlen nach der Meilenstein-Tabelle der facultas-Ausgabe 2026 (3. Aufl.).
Die Begründer – Biografien als PDF